Eben habe ich diese alte Familien-Dokumentenmappe gesichtet und aussortiert. Dabei kamen noch Dinge ans Licht, die meine leibliche Mutter mir immer verschweigen wollte. Als ich die Bundeswehr-Unterlagen meines Vaters sichtete, stand bei jeder Beförderung jeweils die Besoldung mit drauf. Was Geld betraf bzw. Verdienst, so wurde mir gegenüber immer ein Geheimnis daraus gemacht. Nun - weiß ich´s doch noch.
Interessant auch eine Urkunde, in der meinem Vater "im Namen des deutschen Volkes" für 25 Jahre treuen Dienst am selbigen gedankt wird, datiert auf meinen ersten Geburtstag im Jahre 1964 und bezeichnend für die (Nicht-) Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit: Zu diesem Zeitpunkt war mein Vater nämlich gerade wieder 10 Jahre Soldat - aber gerechnet haben die ab 1939, als er als 18-jähriger in den Krieg zog - sprich: Ohne Unterbrechung.
Außerdem traf ich nochmal auf den ehemals großen Clan und die Kennenlern- sowie andere Geschichte der Liebe meiner Eltern, alle nötigen Einzelheiten hatte ich meiner Mutter vor Jahren für eine Familienaufstellung geduldig aus der Nase gezogen - sie war ein sehr verschwiegener und wenig redseliger Mensch, wenn es um derartige Dinge ging. Umso erstaunter war ich eben nochmal über das recht plastische Bild und die Erkenntnis, daß sie sicher keine leichte Geschichte miteinander hatten - von den jeweiligen Familien nicht wirklich mitgetragen. Besser gesagt von den Frauen der Clans - es gab ja kaum noch männliche Familienmitglieder zu dem Zeitpunkt.
Eine sehr helle Lampe ging dann an, als ich las, wie die Mutter ihre beiden Töchter mit wenigen Worten charakterisieren sollte. Bei meiner Schwester steht "Sehr bestimmend; heute strebsam, sparsam" und bei mir - Zitat wörtlich, als ich es ihr aus der Nase zog "Recht umgänglich sag ich jetzt nicht, das wäre zuviel des Guten, trotzdem recht lieb und recht freundlich und nett - wenn das Eigenwillige nicht da ist." und weiter "Ich habe immer sehr viel von ihrem Verstand gehalten - und manchmal war ich damit überfordert." Letztere Aussage ist ein sehr ungewöhnliches Eingeständnis seitens dieser Dame - und läßt mich so manche verbale (Total-) Verweigerung und zahlreiche Gesprächsabbrüche ihrerseits mir gegenüber nochmal in anderem Lichte sehen.
Kein Wunder eigentlich, daß meine Schwester mich so abgrundtief hasst(e) und mir das Verderben an den Hals wünschte bei den deutlich differierenden Beschreibungen - sowas spürt man ja als Tochter. Obwohl sie dafür oft den Zucker in den Allerwertesten gestreut bekam. Die offizielle Version lautete immer "Alle bekommen gleich."
Sehr interessant die Ähnlichkeiten der Sterne meines Vaters und meiner in unseren Geburtshoroskopen - fand seine Geburtszeit in seiner Geburtsurkunde - beide Zwillingssonne im gleichen Haus, gleicher Aszendent und einiges mehr.
Der Tod ist allgegenwärtig auf beiden Familienseiten, Kinder sterben früh, 4 von 9 Kindern meiner Oma mütterlicherseits kommen nicht durch. Brüder fallen im Krieg. Selbstmorde sind keine Seltenheit. Die Väter meiner Eltern sterben früh - beide durch eigene Hand. Mein Vater als jüngster Sohn von dreien hat zwei ältere Brüder mit Abitur und macht selbst nur mittlere Reife - mit einem Vater, der Lehrer und Autoritätsperson war. Vermutlich hat er sich für seine unbarmherzigen Schwestern und seine hilflose Mutter "geopfert" und um deren Anerkennung gebuhlt später. Ein älterer Bruder kam nicht aus dem Krieg zurück - der andere wurde ihm jahrzehntelang als der Erfolgreichere serviert. Alles nicht leicht. So ein bischen stöbern - versöhnt. Mit den Ahnen und mit der eigenen Situation.
Ein altes Adressbuch landete noch noch im Altpapier - etwa 90 Prozent der aufgeführten Personen sind bereits von dannen gegangen - und beim Blättern fühlte ich mich kurz an das Foto mit den Verstorbenen in "Shining" erinnert . Jetzt - ist wirklich nur noch eine einzige Mappe übrig. Mehr will ich auch nicht mehr mitnehmen in die Zukunft.
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