... auch nicht nach Feierabend - nicht mal die nächsten Tage. Die bleiben irgendwie nahe bei einem - in Gedanken.
Einer davon ist dieser Mann, den ich schon ein paar Mal fuhr und der mich schon ein paar Mal beeindruckt hat in seiner Zähigkeit. Dachte immer, der hätte sowas wie "Parkinson", weil er immer sehr gebückt geht bzw. huscht ... zur nächsten Stelle, an der er sich mal kurz festhalten kann. Dem mensch gut lauschen muß, um seine Worte zu verstehen, da er sehr undeutlich spricht, einige Konsonanten verschluckt.
Dieser Mann, der, selbst körperlich schwer geschlagen, seit einigen Jahren dennoch den Haushalt und die Betreuung seiner inzwischen nur noch bettlägerigen Frau bewältigt. Anfangs fuhr die noch ein paar Male mit, schon schwer gebrechlich und sehr langsam in ihren vorsichtigen Bewegungen - dann kam sie nicht mehr, er kam alleine.
Bewundernswert auch - weil er auch früher schon immer mal wieder gerne einen Scherz machte - trotz aller Schwierigkeiten.
Heute aber - ist er in Hochform - und macht einen Scherz nach dem Anderen. Hat einen guten Humor und birngt mich einige Male zum Lachen. Er ist geradezu gesprächig heute und ich höre am leichten Einschlag heraus, daß er gebürtig aus dem Kohlenpott kommt.
Er habe heute extra einen starken Mann bestellt beim Anruf in der Zentrale .... Oh, meine ich, davon steht aber nichts im Auftrag. Er soll sich mal keine Gedanken machen - ich sei ja schließlich eine starke Frau - das würden wir also schon hinkriegen. Dann stellt sich heraus - er muß lediglich Wäsche abholen in einer Wäscherei - und ich lache darüber - na, das werde ich wohl schaffen.
Diesmal bittet er mich, ihm meinen Arm zu reichen, so kann er viel besser seine Schritte tun. In seinem Fall ist mir das eine Ehre und ich tue das sehr gern - freue mich sogar, ihm meinen Arm als Verlängerung reichen zu können.
In der Wäscherei sagt er zu der gutgelaunten, sehr freundlichen, schönen Frau hinterm Tresen: "Mein neuer Bodyguard!" und wir lachen. Die kennt den - begrüßt ihn mit Vornamen und sie halten ein freundschaftliches Schwätzchen. So gut gelaunt - habe ich den noch nicht gesehen - es macht richtig Spaß, bringt das Herz zum Hüpfen.
Auf der Rückfahrt erfahre ich - er ist 82 Jahre alt inzwischen. Und - er war Seemann. Hat fast die ganze Welt bereist. 1966 ist er dann kopfüber in eine Ladeluke gefallen, elf Meter tief. Und seither ist er halbseitig gelähmt.
Ich hole ihm noch zwei Tageszeitungen auf der Rücktour und bringe ihm die Wäsche rauf in die Wohnung. Im Augenwinkel registriere ich seine bettlägerige Frau - in ihrem Zimmer. Die Sachen lege ich auf den Wohnzimmertisch - da steht auch sein Bett im Raum. Beide Räume und der Flur sind sehr eng. Eine kleiner Balkon schließt sich dem Wohnzimmer an und die Tür steht offen, Sonne scheint herein, es ist ein herrlicher Frühlingstag.
Gleich zu Anfang sagte er "So wie jetzt kann es bleiben bis Weihnachten - und dann kann es schöner werden." Alleine für so einen Spruch - verdient er einen "Orden wider alle Unbilden des Lebens"!
Als er mir ein mehr als fürstliches Trinkgeld gibt - ich frage nochmal, ob das für mich sei, weil es wirklich viel ist - erinnere ich mich, daß ich ihn nun ein gutes Jahr nicht mehr gesehen hatte. Letztes Jahr zu Ostern hat er mir nämlich ein ebenso großzügiges und derart deklariertes "Ostergeld" mitgegeben. Monetär - rettet er meinen Tag heute. Aber nicht nur monetär - sondern auch sonst.
Das ist wirklich ein ganz besonderer Mensch - bei all diesen Schwierigkeiten nicht seinen guten Humor zu verlieren. Und trotz eigener gravierender körperlicher Behinderungen - auch noch für seine Frau zu sorgen. Ein ganzes Hutlager ab!
Und: Wenigstens haben sie genügend Geld zur Verfügung, um nicht etwa in ein Heim zu müssen. Jedenfalls jetzt noch nicht.
Viele Tage lang - erinnere ich mich an ihn - und an eine außergewöhnliche Fahrt. Er geht mir nicht aus dem Sinn. Und gibt viel Kraft. Und davon - weiß er gar nichts - es sei denn, er spürt mal plötzlich so ein paar seltsame Gedanken .... als sei jemand in Gedanken bei ihm.
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