Dienstag, 23. April 2013

Wilder Vater - bedachter Sohn

Fahre einen Vater mit seinem kleinen Sohn. Der Vater - ist ein schöner, sehr großer, freundlicher und vitaler Mann, Amerikaner aus Florida. Der kleine Mann - sitzt hinten und scheint zufrieden, weil er sehr gerne Taxi fährt. So höre ich es aus der Frage des Vaters - ob er nun "happy" sei, Taxi zu fahren.
Im Radio läuft ein Beitrag über Sklavenarbeit und Niedriglöhne in unserem Lande. Der Mann neben mir - fragt nach - ob es da um "Hartz" gehe ... ja, auch, antworte ich.
Ist übrigens einer der eher raren "Amis" bzw. "Anglophilen", der sich bemüht, auf deutsch zu kommunizieren. Es holpert einiges - aber das ist ja nicht wichtig - sondern reden ist wichtig - in jeder Sprache. Ich erspare mir also - fast jedes weitere Wort auf englisch - es sei denn, es holpert nochmal kurz.
Daraufhin erzählt er mir eine Geschichte von sich - er ist selbstständig und hat zwei Söhne hier in Deutschland - für die er monatlich gut 1.000 Euro Unterhalt zu leisten hat. Als sein Geschäft mal etwas schlechter lief - ist er zum Amt gegangen und hat dort angefragt, ob es möglich sei, daß er mal für eine kurze Weile etwas weniger zahlt - und dann, wenn er das Geschäft wieder besser im Griff hat - wieder alles ins Lot bringt.
Ich muß lachen - so flexibel sind die Ämter hier wohl eher nicht.

Dann berichtet er weiter - wie er, selbst als Amerikaner, quasi von dem "Sachbearbeiter" im Amt dazu genötigt werden sollte, auf "Hartz IV" zu gehen. Dieser stattliche Typ - hatte aber sowas gar nicht erst im Sinn - sondern wollte einfach seine ganze Energie derart in sein Business hineingeben - um es wieder in Ordnung zu bringen. Er hatte ja auch überhaupt nicht im Sinn - jemandem etwas schuldig zu sein oder zu bleiben.

Er hat es wohl wieder hingekriegt - aber diese Irritation darüber ist ihm geblieben, daß man ihn schnellstens in ein  "System der Armut" bringen wollte. Mit vehementer Überredungskunst. Es war ihm zuwider.

Ich erzähle ihm - daß das eine gute Entscheidung war. Erzähle ihm nur kurz davon - daß ich mal in diesem System drin war, als "Aufstockerin", und das es schon auf den Gängen dieser Ämter übel zur Sache geht. Einmal war ich dort zu einem Termin - und traf auf einen Typen, der völlig außer sich war und fluchte "Ich stech die gleich ab". Ich redete ein paar Worte mit dem - und meinte etwas wie: "Das macht auch keinen Sinn. Machen Sie sich nicht selbst unglücklich." Ein paar Monate später - hörte ich dann diese Geschichte von dem, der tatsächlich seine Sachbearbeiterin um die Ecke gebracht hat im Affekt. Nein - ich war nicht verwundert.

Der Amerikaner aber - ist bis heute verwundert - warum man ihn unbedingt in ein - seine Worte - "Armensystem" hineinpressen wollte seinerzeit, wo er doch gar nicht um Almosen gebeten hatte, sondern nur um etwas Luft, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen.

Wir unterhalten uns noch ein wenig - über hier und dort - dort = USA. Wobei - er sagte, das es dort viele Unterschiede gibt - kein Wunder auf so einem Kontinent mit verschiedenen Mentalitäten. Florida -ist halt nicht mal eben vergleichbar mit anderen Staaten - besonders nicht mit denen im Norden. Diese Mentalität - mag er auch nicht - und es erschließt sich in Kürze, daß es noch viele mentale Differenzen aufgund der einstigen "amerikanischen Geschichte", also des Bürgerkrieges - gibt.

Ob ich schon mal in den USA gewesen sei?
Nein. Und es zieht mich auch nichts dorthin - rein gar nichts. Schon gar nicht - nach 9/11. Ja - das begreift er wohl. 
Ich - würde lieber nach Südamerika reisen - gerne nochmal nach Cuba - aber nicht in die USA. Obwohl - gerade bei ihm in Florida ja viele Kubaner leben. Ja - er sei mit einigen gut befreundet.
Und - es leben ja wohl auch viele solche dort, die sich ein paar Häuser gekauft haben - viele Fremde mit Geld?
Ja - besonders auch viele Deutsche - meint er.

Ich spreche ihn auf die Armut in USA an und auf die "Food-Stamp"-Empfänger .... aber es ist nicht genügend Zeit, um hier in die Tiefe zu gehen. Wir sind am Ziel.

Der "Kleine" meldet sich wieder - beugt sich nach vorne und meint: "Ich bin schon in der Schule!" Ich lache - was soviel heißt wie "Ja - ich liebe Dich auch." und frage - in welcher Klasse er denn sei. Weiß er nicht. Fängt gerade erst an. Ob es ihm gefällt, frage ich ihn. Weiß er auch noch nicht - muß er noch beobachten. Eine sehr kluge, besonnene  Antwort!
Der Vater lacht und sagt - auf englisch: "You´ll learn to hate it, buddy."
Ich freue mich ja immer über solche Eltern = Älteren, die ihre Kinder nicht unnötig für dumm verkaufen oder verarschen.

2 Kommentare:

sonja hat gesagt…

Zum Thema Schule: ich habe durchaus begeisterte Kinder erlebt, die sich von nichts und niemandem ihre Freude und Neugier nehmen ließen. An einer Hauptschule habe ich Kinder erlebt, die nicht nach Hause gehen wollten, weil sie es dort unerträglich und in der Schule schön fanden....
Nichtsdestotrotz eine oft harsche und grauslige Institution...Es ist wie überall: das Gute sich zu nehmen wissen und an Veränderungen NUR zum Guten arbeiten...

Sati hat gesagt…

Ja. Recht haste!
Problematisch wird´s erst - wenn die an sich klugen Kinder merken, daß sie lauter Schrott lernen sollen .... da kann der Spaß schon mal leicht vergehen.
Ich fand diesen Kleinen - bemerkenswert in seiner kritischen Grundhaltung.
Liebe Grüße, Sati