"Weißt Du, was ich an Dir mag?" lallt er noch am Ziel und ich denke "Auweia ....., jetzt kommt wieder so ein Schmarrn." Ich sage nichts weiter dazu. Er erzählt es mir trotzdem: "Alles."
"Aha." sag´ ich und grinse ihn breit an "Dann kann ich ja so bleiben."
(was für eine schreckliche Vorstellung .....) Gerade noch glimpflich.
Ich schlage ein - manche Menschen müssen sich dringend mit Handschlag verabschieden.
Jetzt kommt noch ein Nachsatz. der mich auf dem Weg zum Übergabeplatz herzlich lachen läßt.
"Du bist eine ganz wunderbare Frau. Also, jetzt als Taxifahrerin ...."
Hätte auch komplett anders ausgehen können - ich hätte nur ein wenig undiplomatischer zu antworten brauchen auf dem Weg quer durch die Stadt, dann hätte es sofort geknallt in der Limousine. Und der letzte Satz wäre diametral entgegengesetzt ausgefallen. Ausgefallen im Wortsinn ...
Ich fange den Auftrag im freien Flug - also noch vor dem Halteplatz - und fahre zu der Kneipe. Es ist meine letzte Fahrt und die schaffe ich auch noch nach diesem zähen Tag, der am Ende noch erstaunlich gut ausging für mich.
Denke, der will sicher nur um die Ecke, von der Stammkneipe nach Hause. Aber es ist eine gute Tour, von Nord nach Süd. Die Strassen sind eh frei am Ostermontag, so kann ich auch noch ganz bequem zurückfliegen zum Abstellplatz.
Als der Kunde bereits sitzt, dreht er den Kopf zu mir und gibt einen erstaunten Laut von sich "Oh ...., eine Frau". Er ist hackendicht, war schon seit morgens dort und jetzt ist es nach 17 Uhr. Lallt etwas vor sich hin wie "Entschuldige, aber ich bin sauer, hab´mich gerade geärgert." Natürlich will ich das nicht wissen. Erkläre ihm, daß wir heute anders fahren müssen wegen Radrennen und Strassensperren .... das begreift er sogar noch, hallelujah.Ja, das hat er morgens selbst gesehen, er ist nämlich auch selbst mit dem Rad zur Kneipe gefahren. Ob ich weiß, daß die da teilweise Räder fahren, die teurer sind, als ein Auto? Hmmmppfff .... Fast mache ich den Fehler und lasse mich auf ein "Gespräch" ein hierzu
Ja, weiß ich, daß es sehr teure Räder gibt. Aber eine schöne Mercedes-Limousine kostet doch noch ein bischen mehr als ein vergoldeter Fahrrad-Rahmen. Der versteht gar nichts von Autos und hat keinen Führerschein ... Ich sage ihm, wenn er mich etwas fragt, dann soll er auch zuhören, wenn ich ihm eine Antwort gebe. Gut ....
Also - ich habe in meinem Leben privat noch nie ein neues Auto gekauft... jetzt hab´ich unverhofft gewonnen. Wegen meiner "geraden Einstellung zum Leben". Welcher Jahrgang ich denn sei? Sag ich nicht. Ja, aber wir wären doch etwa der gleiche Jahrgang- damals war das doch alles ganz anders. Besser. Aufrechter. Wenn wir etwas gewünscht hätten, dann hätten wir doch noch darauf hin arbeiten müssen, sparen, etwas dafür tun. So hat man es ihm beigebracht, damals, als alles noch besser war ....
Natürlich ist das alles Unsinn - denke ich eisern schweigend bei mir - denn Menschen waren immer schon sehr unterschiedlich begünstigt. Ich erinnere mich spontan an mein erstes Auto, welches meine Mutter mir gerne geschenkt hat zu meinem 18. Geburtstag (vielleicht, weil sie das sicherer fand als mein auf 80 km/h frisiertes Mokick?), ein orangefarbener R5 mit Handschaltung, schönes Auto! Ich fuhr sofort glücklich los, allein und bei Schnee im Winter ....
Ich hätte mir später sogar zeitweilig einfach ein neues Auto kaufen können, weil ich einst genug Geld hatte - aber nicht durch Arbeit, sondern weil ich eine vom Leben liebevoll begünstigte Spielernatur bin. Ich hatte nur nie das Bedürfnis nach einem schicken Neuwagen .... und hielt mich jahrelang gerne inmitten der Öl- und Bezindüfte diverser KFZ-Reaparatur-Klitschen auf. Zur Strafe für diesen ehemaligen Geiz bzw. wegen dem Karma oder schon aufgrund einer Kindheitserinnerung mit Autos - nicht einmal der Teufel weiß, wieso genau - fahre ich heute Mercedes-Limousine .....
Da es überhaupt keinen Sinn hat, mit diesem Menschen noch über irgendetwas zu reden - dieser aber ein ungebremstes Mitteilungsbedürfnis hat - entscheide ich mich schnell für die diplomatische Variante, die mir gleich einen schöneren Feierabend bescheren wird: Ich sage fast gar nichts mehr, außer noch ein paar schmale Wörter zur Wegstrecke bzw. so eine Art unverbindliches "Hmmppfffhhh".
Er erbricht derweil verbal verschiedenste Varianten seiner Weltsicht, fühlt sich mit mir verwandt oder verschwistert und fragt immer wieder "Ist doch so, oder etwa nicht?!"
"Hmmpppfffhhh ...."
Ehrlich gesagt - der lebt auf einem völlig anderen Planeten als ich.
Gehört zu der weitverbreiteten Spezies, die sich die Welt in festen Bildern, Vor-stellungen und Werten denken, träumen. Die diese viele Stunden lang über die Tresen der Stadt schleudern.
Meine Welt gerät seit vielen Monden immer mehr aus allen Fugen und ich lerne, sämtliche Vorstellungen und Bilder loszulassen, da sie ohnehin nicht wahr sind.
Als er von seinen Kindern erzählt, drei an der Zahl, sagt er voller Inbrunst "Ich habe nie etwas mit Drogen zu tun gehabt. Wenn eines meiner Kinder jemals Drogen nehmen würde, dann wäre es nicht mehr mein Kind."
Ich übe mich weiterhin konsequent in Humor - und denke so bei mir "Aha, 3,2 Promill Alkohol im Blut sind also keine Droge?!"
So sind wir.
Zum Schreien komisch.
Am Ende fehlen etwa 50 Cent der Zeche - er ist blank.
Ich sage "Hast du nix mehr dabei?"
Nein, er müsse rauf zu seiner Frau und das fehlende Geld holen.
Worauf ich sehr beherzt und laut entscheide
"Nein, dieses Spiel spielen wir jetzt sicher nicht. Ich mache jetzt Feierabend."
Siehe oben ... mit Humor und Gelassenheit ist es wirklich leichter.
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