Dienstag, 5. November 2013

Schulfahrt - Wandel im Lande ....

Gestern morgen bekomme ich eine für mich doch noch feine Schulfahrt - vier Kinderchen habe ich einzusammeln. Die erste Adresse - ist nicht auffindbar. Diese Hausnummer gibt´s nicht - jedenfalls nicht dort, wo sie hingehören würde. Fahre hin und her und auch in Einfahrten und Hinterhöfe und halte auch Ausschau nach einem Kind, welches sich vielleicht zeigt. Nichts. Frage einen Jungen, ob er eine Ahnung hätte, wo diese Hausnummer zu finden sei? Da hinten - rechts rein. Aha, danke. Da hinten findet sich ein holpriger, ungepflaster Weg mit Hausnummern kreuz und quer, wild durcheinander - nur meine ist nicht zu sichten.
Rufe in der Zentrale an - und schildere die Lage. Ob sie eine Telefonnummer hätten? Die Kollegin meint - warten Sie mal bitte - und vermeldet etwas später, sie hätte angerufen, aber die Mutter würde kein Wort deutsch sprechen .... Währenddessen bin ich am Ende dieses Holperweges mitten in der Wallachei angekommen und ein Mädchen kommt mir endlich entgegengelaufen. Ich gebe der Kollegin am Telefon noch ein paar Informationen durch, die sie bitte dringend diesem Auftrag hinzufügen möchte - damit der nächste Kollege nicht nochmal so sinnfrei dort herumeiern muß. Zwanzig Minuten sind bereits verstrichen mit Sucherei, alle Kinder werden zu spät kommen und die Eltern auf heißen Kohlen sitzen, wann das Taxi endlich kommt.

Das hübsche Mädchen ist vermutlich eine Roma. Ich erkläre ihr, daß sie sich bitte demnächst möglichst pünktlich vorne an die Straße stellen soll. Das ich sie nicht finden konnte. Ob sie das begreife? Ja. Und meine - wenn sie Lust hätte, solle sie doch mal zwei Schilder malen mit der Hausnummer - eines für die Einfahrt vorne und das andere hinten am Ende des Weges anbringen - denn weit und breit gab es keines. Sie stimmt zu ... versteht, was ich ihr da begreiflich machen möchte.
Ich denke noch - was für eine Last im Grunde auf solchen Kindern liegt, deren Eltern sich überhaupt nicht in der Sprache ds Landes verständigen können, in dem sie leben. Diese Kinder müssen ja vieles für die Eltern regeln und/oder ausbaden.

Die Mutter bei der zweiten Adresse steht auf dem Balkon und ruft mir zu, ich sei zu spät. Ich nicke und rufe zurück - ja, es gab Probleme eben. Der Junge kommt zügig, es ist einer mit Wurzeln im arabischen Raum.

Bei der dritten Adresse hole ich einen türkischen Jungen ab. Die Mutter, eine sehr hübsche, junge und aufgeweckte Frau, hat noch drei weitere Kinder, alle sitzen auf o.g. heißen Kohlen, weil sie ebenfalls Termine haben. Ich erkläre ihr die Situation und ergänze, daß ich für die Zukunft entsprechende Infos an die Zentrale weitergegeben habe. Ja - sie hatte schon bei dieser angerufen.

Der vierte, den wir aufsammeln, ist einer mit russischen Wurzeln. Die drei Jungs unterhalten sich über neueste Handy- und Smartphone-Modelle. Das Mädchen schweigt. .
Dann kommen sie irgendwie drauf - sich über ihre Nationalitäten zu unterhalten. Bist Du Deutscher? Ja - ich bin Deutscher. Nein - bist Du nicht, Du bist ..... Nein, ich bin Deutscher. Ich bin hier geboren. Ja, ich auch.
So geht das eine ganze Weile - hin- und her.

Ich denke nur - seltsam eigentlich - alle sind deutsch und irgendwie auch nicht. Und alle wachsen international auf ... also mit vielen verschiedenen "Wurzeln" - dennoch deutsch bzw. sich als solche fühlend - und für sie alle ganz normal, daß "Deutschsein" auch bedeutet, aus aller Welt zu stammen.

Alles sehr nette Kinder - auch, wenn ich kurz mal staune, was die für Wörter in ihrem Repertoire haben. Da sie aber selbst über den Unsinn kichern, den sie da teilweise von sich geben und keinen Terror veranstalten - sage ich mal nichts dazu. Nur einmal, als einer das Mädchen kurz boxt - gibt´s eine klare Ansage nach hinten von mir.

So sieht´s also de facto aus - und da gibt´s nichts mehr dran zurückzudrehen, denn diese Kinder sind alle hier zuhause - und nicht woanders: Deutschland ist ein Land mit multikultureller Bevölkerung, und das wird zunehmen. Deutschland wird da im wahren Sinne des Wortes hineinwachsen - nämlich mit diesen Kindern.
Und wer heute noch "deutschtümelt" - der hat wohl etwas nicht mitbekommen.
Für die Kolonie gilt das ganz besonders - hier ist ja schon lange alles "multikulti".

War auch nicht meine erste Schulfahrt, bei der ich vier verschiedene "Wurzeln" eingesammelt habe. Die sich irgendwie zu einer neuen bilden werden.

Und das hörte ich neulich zum Thema im Radio - die Frage war, wie sich Deutschland "definiere". Jemand meinte dazu - seiner Ansicht nach müsse Deutschland sich heute völlig neu definieren.Weil eben sovieles im Wandel sei. Im Grunde müssten sich die Menschen hier um eine ganz neue "Identität" bemühen, bzw. eine solche würde sich bilden.


Die Kinderchen gestern - waren mal wieder ein lebendiges Sinnbild dafür.
Und leicht haben die das sicher nicht. Besonders nicht die, deren Eltern noch ganz anders "drauf" sind.

Im Prinzip gilt das alles aber nicht nur für Deutschland - sondern für den Globus - mal mehr, mal weniger.
Diese Oasen der Nationalitäten werden sich im Laufe der Zeit auflösen bzw. ihre Konturen verlieren.
Und etwas Neues wird entstehen. Wie schon immer ....

Diese Zeiten einer angeblichen, einstigen deutschen Kultur von Dichtern und Denkern, auf die sich so gerne berufen wird - sind ohnehin längst vorbei.  Und so oft habe ich schon gedacht, wie unsinnig es ist, einem ganzen Volk etwas zuzuschreiben - literal - was nur wenige, oft auch Begünstigte - einst auf Papier gezaubert haben.
Vermutlich war das einst ebenso wie heute: Ein paar Vordenker stehen lange nicht für alle.

Ebenso gilt - daß Deutschland de facto schon lange eine tiefe Wandlung im Kern vollzogen hat, die heute niemanden mehr dazu berechtigt, immer wieder bei jedem kleinen Furz sofort eine angebliche Nazikeule hervorzuziehen. Wer solchen Unsinn über die Häupter der Mehrheit ziehen will - hat sich im Lande nie wirklich umgesehen.

Die Kinderchen machen sich Sorgen, weil sie zu spät kommen werden. Dann würden sie wieder bestraft! Ich frage - wie bitte? Ja, dann würden sie wieder bestraft. Ich sage ihnen - niemand wird hier bestraft! Sie sollen einen schönen Gruß von der Taxifahrerin bestellen - wir hätten im Stau gestanden.
Und frage mich - was da in den Schulen wohl los ist ....

2 Kommentare:

Ich will...... hat gesagt…

du sollst dir einen beruf suchen, der dir spaß macht und geld bringt.
teil eins lese ich hier im post, teil 2 kann ich nicht beurteilen.
aber du kannst mit kindern und du kannst musik machen vom feinsten. vielleicht willst du ja mit kindern musik machen? das jugendamt und organisationen (konkret weiß ich natürlich gerade keine) finanzieren sowas vielleicht.
käme auf den versuch an.
m.

Sati hat gesagt…

Werde nochmal drüber sinnieren ...
hab´s schon ein paar Male getan - vor Äonen.

Mit den Kinderchen ist es so bei mir:
Ja - ich mag sie meistens. Auch die scheinbar Unbequemen.
Ist sehr einfach - weil ich ja auch nichts von ihnen will.

Was ich aber gar nicht kann und auch nicht will - ist - "albern kindisch" mit ihnen umzugehen.
Sprich - als Beipsiel - habe ich keinerlei Lust, mit Kindern ihre ureigenen Kinderspiele scheinbar mitzuspielen - von mir aus sowas wie "Backe backe Förmchen".
Daran - hatte ich noch nie Spaß.

Sie aber wachsen zu lassen und in ihre Kraft zu bringen - bzw. sie darin zu belassen - daran schon.

Danke, Sati