Montag, 2. August 2010

Vom Wechseln der Jahre und vom Altwerden ....

... bin ich vielleicht noch ein paar Tage entfernt, aber derzeit beschäftigt mich vieles in dieser Hinsicht.
Ich selbst scheine mitten in einer "Midlife-Crisis" befindlich zu sein bzw. in den sogenannten Wechseljahren. Ist mir insofern recht, als daß sie dann relativ früh kommen - und ebenso wieder gehen.
Wobei ja im Grunde recht unklar ist, was genau "Wechseljahre" sind, da sie bei jeder Frau anders verlaufen und sich auch andere Geschichten, Symptome, Hormone zeigen.
Menstruationszyklisch war ich nur für eine Weile aus dem Takt, bin jetzt wieder drin und gehe wie immer quasi pünktlich mit dem Vollmond. Wußte ich gar nicht als junge Frau - hat mich auch nicht wirklich interessiert. Habe von etwa 15 bis Mitte 35 eh die Pille genommen und war somit auf deren Rhythmus eingestellt.
Werde die Mens sicher nicht vermissen, wenn sie versiegt.  Andererseits - blute ich seit ein paar Monaten sozusagen sehr bewußt in diesen Kelch (Lady Cup etc. ...) , wenn ich nicht gerade Taxi fahre (da sagt mein Verstand, ich solle mal besser auf meine alte Methode zurüchgreifen). Meistens - fahre ich blöderweise genau dann, wenn´s losgeht. Dann - merke ich deutlich, daß sich alles auf sich selbst zurückziehen möchte und ich bin auch nicht gesprächig oder gehe sonderlich auf die Menschen zu. Bin eher ruhig und in mich gekehrt.
Dieses Bluten in den Kelch und damit das Fliessenlassen - empfinde ich nun noch kurz vorm Versiegen als sehr interessante und angenehme Erfahrung und eine als gänzlich andere als das "Zustöpseln" mit Tampons. Obwohl ich auch dafür immer sehr dankbar war -  es gibt sicher Gegenden, wo sich dieses wiederkehrende Ereignis erheblich komplizierter darstellt. Auf Kuba zum Beispiel hat mich mein Meister gefragt, ob ich Algodon = Baumwolle brauche - die Frauen drehen sich ihre Tampons quasi selbst. Kriege mittlerweile Hitzewallungen und anderes, was ich vorher so nicht kannte. Beobachte diverse Gefühle und Emotionen, die ich ewig nicht kannte und die mich teils sehr verwundern, weil sie so gar nicht zu meinem bisherigen "Charakter" passen wollen. Bin aber grundätzlich mit allem einverstanden und würde im Leben nicht deshalb zu einem Arzt gehen - schließlich bin ich nicht krank sondern in einem Prozess der Veränderung.

Das Verrückte dabei: Ich fühle mich oft wie ein junges Reh, als sei ich gerade 17. Gestern sah ich einen ehemaligen Liebhaber aus jugendlicheren Zeiten und dachte "Mensch, ist der alt geworden." Kurze Pause .... "Mensch, dann bin ich wohl auch so alt geworden?!!!"
Für einen Moment in der Ewigkeit hatte ich dieses Gefühl, daß mir locker 25 Jahre fehlen aus diesem Leben. Die, in denen ich älter geworden sein muß .... ich kann nicht sagen, wo die waren.
So etwa im Groben meine ego-philosophischen Betrachtungen gestern morgen in der Limousine.

Später dann ... stehe ich an einem Krankenhaus-Halteplatz und eine alte Dame kommt auf mich zu. Wir grüßen uns freundlich und sie bittet mich, zur Pforte hochzufahren und dort ihren Mann abzuholen. Dieser kann kaum stehen geschweige denn gehen ... sie haben eine Pflegerin dabei, die ihm beim Einsteigen hilft. Ich lade den Rollator ein und setzte mich ans Steuer, der Herr neben mir schaut mich an und bittet mich, den Gurt einzustecken. Er kann sich kaum bewegen und sein Körper ist schwach - seine Augen aber funkeln in einem unglaublich kräftigen Türkis und ich denke "Es passt wie so oft nicht wirklich zusammen!" Will sagen: Soviele alte Menschen sind jung und rege im Geiste - und die Körper versagen langsam. Sicher fühlt er sich auch wesentlich jünger als sein Körper. Seine Augen - sind das pure Leben!

Auch seine Frau - die noch erheblich beweglicher ist - ist alt - und gleichzeitig sehr jung dabei, im Geiste eben. Sie nennen mir ihr Ziel und ich frage "Ist da nicht auch ein Senioren-Wohnheim in dieser Strasse?" Sie antwortet mit "Ja, leider." und ich muß lachen, wobei ich glaube ich ganz gut verstehe, wie sie das meint. Alte Menschen, die jung im Geiste sind und im Herzen, möchten nicht mit anderen alten Menschen zusammen sein. Auch nicht, wenn diese anderen alten Menschen erst 35 sind ...

Zum Abschied sagt die alte Dame noch, daß es sehr angenehm war, mit mir zu fahren - ich kann das Kompliment gerne ebenso mit ihr teilen ... ist auch schön manchmal! .... und dann fahre ich ein paar Meter zurück zum Senioren-Wohnheim, um dort dringend mal meine Blase zu  entleeren. Ich stelle also die Limousine ab und will hineingehen, doch werde ich vor der Tür abgefangen von jemand, der auch alt ist und dem man dennoch seine Jugend ansieht und vielleicht diese Sehnsucht danach, die sicher bleibt.
Es ist Sonntag mittag und viele unterschiedliche alte Menschen sind dort vor der Tür und im Foyer unterwegs bzw. versammelt, gerade ging wohl ein Gottesdienst zuende.

Dieser alte junge Mann spricht mich also an und fragt nach einem Fahrpreis von hier nach Dings ... ich schätze mal und nenne ihm die entsprechende Summe. Sein Gesicht ist faltig und teilweise markant vernarbt - dennoch sehe ich, daß er mal eine echte Schönheit gewesen sein muß und sehr stattlich. Groß ist er dazu. Bestimmt haben ihm viele Frauen zu Füssen gelegen. Schon erzählt er, daß er da und da zuhause war und hier einen Garten hatte .... ich sehe und spüre, daß er im Grunde Sehnsucht hat und Ansprache möchte. Vielleicht auch endlich mal wieder von einem jüngeren Menschen - wie in dem Moment von mir.
Saublöderweise - läuft mein Business derzeit noch prekärer als sonst und ich habe nicht wirklich Muße, mich mit ihm über sein Leben zu unterhalten. Verabschiede mich also und gehe hinein. Dort sage ich "ordnungsgemäß und laut" GutenTag !!!  - habe ich inzwischen gelernt, daß diese Generation von Alten sehr viel Wert drauf legt, grins ...

Als ich wegfahre, ist mir klar, daß Altwerden in unserer Gesellschaft nicht wirklich lustig ist und wir die Alten viel alleinlassen - obwohl sie vielleicht noch viel Power im Hintern hätten. Also im "geistigen Hintern" sozusagen  ...ein weites Feld.

Am späteren Nachmittag bekomme ich dann nochmal die Ehre, eine kunterbunte 79-jährige, sehr lebendige  echte Kölsche  zu fahren, die mir viel Spaß macht mit ihrem lebendigen Temperament. Wieder lade ich an einem Krankenhaus, ihr schmales "Liebschen" bringt sie zum Wagen samt ihrem Rollator. Er ist gertenschlank - und kank. Sie ist rund und dick und sehr schick- und sagt später zu mir "Da sagt man immer, wir Dicke würden krank ... dabei ist er krank."
Sie fängt an zu reden und hört nicht mehr auf - ich muß lachen ... habe nichts dagegen, es ist in der Tat sehr gesund manchmal, besonders, wenn die Menschen ihre verrückten Geschichten erzählen.
Sie ist also jetzt zum 5. Mal verheiratet - mit dem "Liebschen". Die beiden sind wirklich ganz bezaubernd miteinander umgegangen und die typisch kölschen Kosewörter fielen wie ein heilsamer Sommerregen ... "Liebschen", "Herzschen", "Schätzschen" .... er ist der fünfte und ihn hat sie nun schon seit 35 Jahren am Hals.
 Ihre Kleidung ist farbenfroh, wir tragen heute beide lila bzw. pink als Grundton - doch sie ist modisch und trägt dazu satte Geschmeide und Ringe, Nagellack, Hut mit Krempe und wer weiß nich was - alles Ton in Ton! Und ich freue mich - immer wieder - wenn ich Frauen in dieser "Altersklasse" treffe, die sich trauen, Farbe ins Leben zu tragen .....Auf dem Weg erfahre ich noch mehr. Interesant dabei finde ich die Aussage, daß sie zwar all die Geschichten mit ihren vorherigen Ex-Männern erldeigt und vergessen hat - aber nicht so ihre Kindheit, in der sie entsprechend geprägt wurde.  Nein, alt werden und jung dabei sein - ist nicht immer leicht. Sagt sie auch ....

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