.... aus glücklicherweise gesunder Ferne.
Nicht unbedingt, weil sie etwa so gut heilen könnten- sondern, weil sie gut und sehr geduldig im Umgang mit schwierigen Menschen sein müssen.
Chirurgen sind hier nicht gemeint, bei denen habe ich ohnehin höchsten Respekt vor ihren grob- bis feinsinnigen Reparaturleistungen, ihrem Mut und ihren Nerven, was das Eintauchen in die geöffneten Körperuniversen inklusive Flüssigkeiten und Gerüche betrifft. Auch bei Zahnärzten ziehe ich den Hut ob des filigranen Handwerks und der plastischen Feinarbeit.
Heute holte ich eine Dame ab, die mir schon am Telefon mitteilte, sie sei nicht ganz gut zu Fuss, es könne etwas dauern, bis sie unten ist. Ja, sage ich, ich warte auf sie. Fahre zur Adresse und schaue nach links, nach der Hausnummer. Sie ist schon längst unten und winkt auf der anderen Seite mit einem Stock ...
Als ich näher komme, registriere ich, daß ihre Haut am ganzen Körper mit Pusteln und Ausbeulungen übersät ist - zwischen 3 bis 18 mm groß . Keine Stelle, wo dies nicht der Fall ist, das Gesicht, der Hals, jede Falte, die Arme, Hände ... jedes Hautteilchen, welches sichtbar ist, ist mit diesen Beulen übersät. Hautfarben sind sie, nicht etwa rot oder braun, der gleiche Farbton wie die ehemals gesunde Haut zwischen den Beulen.
Ich erschrecke ein wenig über diesen ungewohnten Anblick und als sie mir ihren Stock anreicht, kommt mir in Millisekundenschnelle dieser Gedanke, ob das wohl ansteckend sei? Ist es sicher nicht - aber appetitlich ist es auch nicht, im Gegenteil.
Einer meiner größten Schocks als Kind war übrigens so ein Film, in dem eingesperrte Leprakranke halb verwest eine Treppe hochkrabbelten ... "der Tiger von Eschnapur" hieß das.
Wie gesagt - ich registriere das Geschehen.
Ich registriere ihre Erscheinung, ihre "Seele" und meine Reaktion, also Konditionierung.
Automatische Gedanken spulen sich ab ohne mein Zutun wie "Ach, die arme Frau" oder "wie schrecklich" und weitere Automatismen - denen ich sowenig Beachtung wie möglich schenke, da ich weiß, daß das alles Unsinn ist.
Es ist - wie es ist.
Dennoch mache ich mir während der Fahrt weitere Gedanken.
Über die Haut - unser größtes Organ.
Ich schaue mir meine Arme am Lenkrad an, meine Hände - und bin plötzlich wieder sehr dankbar für meine glatte, weiche Haut.
Die Dame neben mir stellt mir ein paar Fragen, sucht ein Gespräch ... aber ich bin heute nicht wirklich gesprächig und so antworte ich lediglich sachlich mit den Informationen, die sie gerne hätte. Ob sie die Fahrt wohl steuerlich absetzen könne? Ich sage ihr, daß ich ihr gerne eine Quittung ausstelle mit allen Details und sie dann versuchen könne, den Fahrpreis mithilfe ihres Arztes von der Kasse zurückzufordern. Ach nein, will sie doch nicht. Und die Steuern, das wäre ja erst nächstes Jahr - und da wäre sie ja eh schon tot.
Bei mir ist das so mit den Menschen: Entweder, mein Herz öffnet sich freiwillig - oder eben nicht. Ködern und köchern - läßt es sich nicht, auch nicht von den Totgeweihten. Ich lasse also diese indirekte Aufforderung zur Nachfrage im Raum verpuffen .... wäre ich interessiert gewesen, hätte ich ohnehin schon längst einfach und offen nachgefragt, was es mit ihrem Hautbild auf sich hat.
Ich denke daran, daß Haut auf Zärtlichkeit reagiert .... und sicher würde es diesem Menschen auch sehr gut tun, zärtlich auf dieser "schröcklichen" Haut berührt zu werden.
Eine kundige Frau, bei der ich mal ein wenig gelernt habe über und zu und mit Reflexologie sagte damals etwas Wahres: "Wenn jeder Mensch jeden Tag nur einmal kurz berührt würde - würden wir in einer ganz anderen Welt leben."
Zu dem Arzt fährt sie wegen einer Schmerz-Behandlung
Mit meinem Nicht-auf-ihre-Krankheit-Anspringen habe ich ihr - in meinem Universum - erheblich mehr Respekt gezollt, als wenn ich sie etwa bemitleiden würde.
Mitleid ist immer auch ein Stück Überheblichkeit - finde ich.
Ein Mensch, der bemitleidet wird, ist seiner Würde enthoben und seiner Streitbarkeit beraubt.
Wir verabschieden uns freundlich und sie sagt "Vielleicht fahren wir ja gleich auch wieder zusammen zurück."
I sog "Schau ma´ra mol" - sie kommt aus Bayern .... naja, aus Minka genauer ....
Zuvor sagte sie bereits, daß sie auch wieder zurück müsse, aber leider nicht genau sagen könne, wie lange es dauert ... ich nehme die Sympathiebezeugung trotz meiner Wortkargheit an.
Nach dieser Tour sorge ich gut für mich, denn inzwischen habe ich gelernt, daß meine Seele dazu neigt, den Leuten am liebsten ihr ganzes Zeugs abzunehmen. Besonders bei denen, bei denen es sich bereits heftigst körperlich manifestiert hat.
Wie ich neulich schon schrub, bin ich ein paar Mal nach intensiven Begegnungen krank geworden - und heute habe wirklich ich gut aufgepaßt auf mich.
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