Dienstag, 25. Oktober 2011

Übergänge

Ein "spiritueller Freund" sagte kürzlich kurz und trefflich zu jemand, der in Trauer war: "Ja, so ist das: Je älter wir werden, desto mehr Menschen sterben vor uns." So banal das klingen mag - der Satz hat in mir seither nachgeklungen und nach und nach die Geschichte meines vermeintlich "persönlichen Dramas" gelöst.

Wer hier schon länger liest, weiß bereits, daß der ehemals große Clan, in dem ich als eine der Letzten geboren wurde, bereits diese Existenz verlassen hat. Mein "persönliches Drama" hatte ich lange der Tatsache zugeschrieben, daß ich schon in frühen Jahren mit dem Schnitter konfrontiert war und es während meiner Pubertät in eine regelrechte "Serie" ausartete: Der Tod nahm ausgerechnet die mit, die ich am meisten im Herzen mochte.
Dennoch - war mir immer klar, daß es denen, die gehen, wohlergeht - und daß die "Zurückgelassenen" mehr um sich selbst und ihre Schmerzen trauern, da sie nicht wissen, daß es den Anderen gut geht.  Für jeden "Toten" selbst -  spürte ich eine gewisse Heiterkeit und Freude.
Die letzte "relevante, übergehende Person" meines Clans war meine leibliche Mutter vor dreieinhalb Jahren.
Danach hatte ich die Schnauze erst einmal gestrichen voll von der ewigen Sterberei in diesem Leben. Ich beschloss, mich nicht weiter um die Botschaften des Schnitters zu scheren und endlich einmal eine Auszeit von ihm zu nehmen.

Dieser hackte daraufhin mit seiner Sense nach mir und rief "Du bist SCHULD an ALLEM - Du mußt auch bald kommen! Glaub bloß nicht, Du könntest Dich jetzt etwa ausruhen oder Ferien von mir machen!"

Das war sicher nicht der Schnitter selbst, den ich so nie kennengelernt hatte. Dieser ist eigentlich recht gelassen und umgänglich und ich hatte in meinem Leben schon viele lange und gute Zwiegespräche mit ihm.

Es war ein uralter Fluch aus dem Clan, der mich traf -  laut, deutlich und verbal geschleudert von meiner einzigen und mir fremden Schwester, die mich verwünschte, es möge mir doch etwas "ganz Schlimmes" zustoßen. Sie, sechs Jahre älter als ich, hatte es auch schon praktisch versucht, als ich noch wehrlos war, ließ mich bereits als Baby auf den Boden fallen, wie ich später hörte.
So nahm ich also den alten Fluch des Clans wiederhoilt entgegen.
Diesmal aber geschockt - denn so offen - als Wort - war er nie ausgeprochen worden. 

Jetzt sage ich mal: Danke dafür

All  der Hass, Zorn und Schmerz endlich ausgesprochen - haben mich viel damit arbeiten lassen in den vergangenen Monden- und Träumen. Ich würde soweit gehen, zu sagen, daß die mir fremde Schwester diesen geerbt hat - von all den jahrhundertelang schweigenden Clan-Mitgliedern, die sich nie trauten, all dies zu schleudern und all dies vergeblich zu schlucken versuchten. Was nicht funktioniert hat - es verpestet nur die Luft, wenn Menschen sich so treffen.

Soweit - so gut. Ich lebe noch - und der Fluch ist gebrochen. Hat eine ganze Weile gedauert.Aber nicht wirklich lang - wenn ich sehe, wie lange geschwiegen wurde.

Nichts kann verschwiegen werden.
Es wird immer gespürt.
Besonders von den Kindern!

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