Donnerstag, 16. Oktober 2008

Highlights - kostenfrei, multidimensional und ohne Worte

Ich war kürzlich nochmal auf dem Friedhof, auf dem die Asche meiner Mutter vergraben ist. Es ist eine große Wiese mit den Urnen von Menschen, die anonym bestattet werden wollten und es ist ein viel schönerer Platz, als ich ursprünglich dachte. Er hat eine wirklich angenehme Energie.
Es handelt sich um eine größere rasenbedeckte Fläche am Ende des großen Friedhofs, mit schönem altem Baumbestand. Auf einem zentralen Platz in der Mitte gibt es die Möglichkeit, Blumen und sogar Kerzen und Windlichter (manche mit Foto ...) aufzustellen, und da sich gleich soviele Menschen darum kümmern, gibt es immer frische Blumen und auch um die Baumstämme herum stellen die Menschen Blumen, Pflanzentöpfe und Lichter auf, manches Windlicht hängt sogar an einem Zweig der großen Bäume.
Es hat etwas "friedvoll Geselliges".

Das Highlight bei meinem erst zweiten Besuch war aber diesmal die Versammlung im hintersten Gang auf diesem Friedhof, direkt hinter der Wiese, auf dem verhältnismäßig wenige Menschen unterwegs sind, da er so abgelegen ist und nicht mehr irgendwohin führt: Dort traf ich auf einen Fuchs und mehrere Katzen sowie eine Horde Raben und Tauben, alle zusammen wie in einer Besprechung versammelt, ein schönes und für mich sehr seltenes Bild. Als ich langsam weiterging, hatten sich die Vögel bereits wegen einem Passanten in die Lüfte erhoben und waren verschwunden. Der Fuchs und die getigerte Katze aber zogen sich lediglich ins Gebüsch zurück und als ich meine guten Absichten zum Ausdruck gebracht hatte, ließ der Fuchs sich noch eine ganze Weile von mir aus nächster Nähe bewundern, am hellichten Tag. Im Gebüsch standen zwei Näpfe mit Futter, an denen er sich labte. Die Katze, ein Stück weiter auf einem Baumstumpf entspannend, hatte augenscheinlich keine Einwände. Ich zog mich dann höflich wieder zurück, schließlich mag ich es selbst auch nicht, zu lange angestarrt zu werden.
Und ein weiteres Highlight war der erfreute Gruß meiner Mutter in Form eines Marienkäfers, der bei meinem Erscheinen mitten auf meiner Brust landete.

Neulich habe ich gemerkt, daß ich noch Zeit brauche und mir diese auch gebe. Zeit, zu trauern. Das bedeutet nicht, daß ich traurig bin. Es bedeutet, daß ein großer Teil meiner Vergangenheit und damit meiner Geschichte, die Geschichte von mir und meiner Familie nun gestorben ist - und es ist eine Menge in mir los, es wird allerhand neu sortiert und umgeschichtet im Innersten dieses Wesens, welches nun ohne weitere Familienbande den Weg weitergeht.
Übrig ist - nur noch Liebe. Und Dankbarkeit. Auch Erleichterung - für alle Beteiligten, tot und lebendig.
In diesen Tagen sogar die Erleichterung, daß meine Mutter die aktuelle "Finanzkrise" nicht mehr erlebt und so nicht zusehen muß, wie ihr jahrelang Erspartes am Ende noch flöten geht. Meine Eltern waren Jahrgang 1921 und 1927 - die haben entsprechend genug Krisen, Kriege und Zusammenbrüche erlebt.

Etwas ganz Grundlegendes ist mir seit dem Tod meiner Mutter sonnenklar: Es gibt niemanden im Außen, der für irgendetwas in mir verantwortlich ist. Dies ist jetzt erkannt - und ganz schön aufregend.

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