Montag, 1. September 2008

Der Jaguar und das Gefühl des Ungeschütztseins

So, der Jaguar steht hier. 178 Gramm pro Stock, ohne Gummipuffer allerdings ... mit abnehmbaren Handschlaufen und aus 100 % Carbon. Der junge Mann wollte mir einen Ferrari als Jaguar verkaufen, typisch. Dabei bin ich überhaupt kein Sportwagenfan und fahre lieber hochzylindrige Limousinen mit viel PS, bequemen Sitzen und möglichst viel Stauraum.

Tino, die gute Nachricht für dich ist: Die Stöcke setzen ja keinen Rost an und eine Schranktür läßt sich bei Bedarf wieder öffnen. Noch besser bei mir: Ich habe gar keinen Schrank mit Türen ...

Morgen ergreife ich - Gott sei´s gedankt - mal wieder die Flucht aus dieser Stadt und aus diesem Miez-Miez-Miez-Miez-Haus, wo mir zuviele muselmanische Kampfkater begegnen und der Schutt aus der momentan leerstehenden Wohnung gerade von den Schwarzarbeitern, also immer abends, vor meine Fenster gestapelt wird ... es geht auf´s Land in dünnbesiedeltes Gebiet in ein 90 Quadratmeter-Haus mit großem Garten und Badewanne ganz für mich alleine und dort werde ich den schicken Jaguar einweihen.

Der Verkäufer in der Sportabteilung heute hat nicht schlecht gestaunt, was ich ihm alles über die Feinheiten beim Auswählen und Anpassen der Nordic-Walking-Stöcke erzählte ... nachdem ich mich gestern im Netz schlaugemacht hatte und er mir anfangs welche gab, die deutlich zu kurz waren. Er versuchte glücklicherweise nicht, mehr Wissen vorzutäuschen, als er tatsächlich hatte, und sagte "Sie haben aber wirklich viel gelesen gestern!" Das Nordic-Walking nicht das Steckenpferd eines Mannes von ca. Anfang 30 sein muß, ist ja echt verständlich. Nein, das wußte ich noch nicht, daß Rennwagen aus Carbon gemacht sind ... ok, dann ist das Material sicher recht bruchsicher.

Vielleicht ist dieser Neuerwerb auch sowas wie ein Eingeständnis an mein physisches Körperalter ... denn auch iesch währde niescht jüngärrr. Auch, wenn es sich innendrin oft andersherum anfühlt.

Ja, Stela, Fahrradfahren finde ich auch schön (für ein Pferd habe ich weder die pflegerische Geduld noch genügend Platz hier und sicher müßte man dafür auch eine Extra-Spezial-Umwelt-Plakette beantragen, die geben mir ja nicht mal für mein altes Auto sowas) - nur im Moment liegen meine "Stadtnerven" derart blitzeblank, daß ich nur die nötigsten Wege nehme.
Und heute bin ich tatsächlich einfach mit dem ganzen Rad und den neuen Stöcken hintendrauf umgefallen, fast aus dem Stand. Ich konnte mich nur noch interessiert dabei beobachten, wie ich mich an der Parkeingangs-Absperrungs-Stange gerettet habe vor einem heftigeren Aufprall und wie ich so langsam vor mich hinfiel, das Wort mit "Sch ..." rufend ... der Schwerpunkt war schon zu tief, als das ich mich wieder hätte hochziehen können. Als ich mit dem Hintern auf dem Boden angekommen war - das Rad hatte ich losgelassen, es lag neben mir - sah ich, daß mich ein Mann aus einem Lieferwagen gut im Auge hatte und sich via Augenkontakt über etwa 15 Meter Entfernung nach meinem Befinden erkundigte. Ich rief ihm zu "Alles in Ordnung, danke" ... und bin für heute erst einmal erstaunt, wie brach die Nerven wohl zur Zeit liegen.


Nicht zuletzt mal wieder, weil ich dieses uralte Gefühl des totalen Ungeschütztseins gerade nochmal zum Nachfühlen präsentiert bekommen habe und wie schon erwähnt, die Außenmauern meiner Basistation von verschiedenen Seiten zugemüllt werden und alle naslang Leute vor den Fenstern herumturnen. Draußen und im Wald fühle ich mich gerade geborgener als hier. Der nächste Umzug ruft ... es gibt nichts mehr für mich zu verlieren in dieser Stadt und nun fühlt es sich auch so an, als gebe es auch nichts mehr zu gewinnen hier. Gut so.
Aber auch ganz andere, vergangene Geschichten und Ängste wollen jetzt gesehen werden, der Bodensatz kommt weiter hoch. Im Grunde geht es bei allen Ängsten um die tiefste Angst, die Angst vor dem Tod, die Angst vor dem Sterben - des Egos, der vertrauten Persönlicheit, der Vorstellung, die ich von mir selbst habe.
So gesehen fordert mich diese Angst als gute, alte Freundin dazu auf, den Sprung ins Ungewisse zu wagen. Danke!

Keine Kommentare: