Donnerstag, 4. Juni 2015

OP-Not, Pflegecharaktere und unangebrachtes Dominanzgebaren .....

... die meisten der im Tollhaus arbeitenden Pflegekräfte sind wirklich in Ordnung. Manche sind noch mehr in Ordnung - mit sich selbst - und das wirkt sich auf den liebevollen Umgang mit den Patienten aus. Ein junger Mann aus Südamerika war mein Favorit, er machte seine Arbeit so natürlich, professionell und mit ganzem Herzen, daß es jedes Mal eine Freude war, ihn zu sehen.

Als er einmal einer meiner Bettnachbarinnen den Popo saubergemacht hatte, nachdem sie sich im Bett liegend in eine Stahlschüssel entleert hatte und es ihr peinlich war, meinte er nur zu ihr: "Ach, Frau Soundso - das ist meine Arbeit. Wenn mir das unangenehm wäre, hätte ich mir wirklich den falschen Beruf ausgesucht."

Es gibt aber auch andere. Überreizte. Solche, die manchmal eine Art Dominanzgebaren an den Tag legen. Mit einem solchen Exemplar geriet ich natürlich aneinander und es rappelte im Karton. Was auch gut war, denn sowas muß sich niemand gefallen lassen.

Eine junge, allzu temperamentvolle und hektische Frau. Sehr hübsch, aber zu laut für die Branche. Und zu schnell unterwegs, einmal mußte ich  aufpassen, daß die mich nicht mit den Krücken über den Haufen läuft in ihrer selbst produzierten Hektik. "Das aufgescheuchte Huhn" - sagte einer.

Für etwa vier Tage lag eine alte, polnische Dame bei uns im Zimmer. Sie war zuhause gefallen und hatte sich den Arm gebrochen. Außerdem war sie leicht dement und sprach sehr langsam - fast nur polnisch. Aber süß ist sie, eine ganz liebe Frau.

Als der hektische Feger viel Staub aufwirbelnd das Abendessen verteilt, fragt sie die polnische Dame schrill und sehr schnell, ob sie Hilfe brauche. Die hat wohl kein Wort verstanden von dem Redeschwall und meldet sich etwas später nochmal zu Wort. 
Daraufhin ranzt diese "Schwester" sie völllig unangemessen an. "Fräuleinchen!" sagt die sehr laut zu einer gestandenen Mutter von vier erwachsenen Kindern und diversen Enkeln. Und sowas wie "Können Sie das nicht gleich sagen !!!"
 
Ich sitze auf meinem Bett und schaue aus dem Fenster. Als ich das höre entfährt mir ein lautes "Wahnsinn!" - eine Art spontanes, persönliches Resümee zu dieser Nummer und zum Tollhausbetrieb überhaupt -  und ich schüttel mit dem Kopf. Daraufhin rastet der Drache aus und ruft durch´s Zimmer zu mir: "Frau Dings, jetzt habe ich aber genug von ihrer schlechten Laune." (???...) und "Lassen Sie diese nicht an mir aus." und "öff öff öff ....". Besucher einer anderen Nachbarin kommentieren das Schauspiel mit "Was geht denn hier für ein Film ab?!" und schauen auf das Huhn. "Unfaßbar" sagt die Besuchte noch. Ich entgegne der Hysterischen - sie solle mal ihren Ton mäßigen, denn sie habe es hier mit erwachsenen Menschen zu tun. Und wir lachen noch viel im Nachgang über diese Situation.

Ja - ich hatte sehr schlechte "Laune" an diesem Tag - um die Mittagszeit. Man hatte mir drei Tage zuvor eröffnet, daß ich doch nicht nach Hause gehen kann und daß man beim Röntgen nun zufällig noch einen weggebrochenen Wirbel entdeckt habe. Nach einer Woche. Eine Woche lang hieß es: Mobilisieren. Beckenbruch. Heilt konventionell, ohne OP. Sie können Dienstag nach Hause.
Dann hieß es plötzlich: Wirbel weggebrochen, Einsturzgefahr, absolute Bettruhe und OP.
Der Radiologe habe da noch was entdeckt .... und ich fragte mich, wieso das nicht gleich am Anfang jemand "entdeckt" hatte. Bettruhe - kam gar nicht in Frage nach dem ganzen Aufbautraining. Da wird mensch ja blöd in der Birne. 

An diesem Tag sollte die OP stattgefunden haben. "Sie stehen als erste auf der OP-Liste, für acht Uhr." sagten mir abends zuvor sowohl der Stationsarzt als auch die Anästhesistin.
Nichts passierte. Auf meine Nachfrage beim Pflegepersonal gegen 11 Uhr - passierte auch nichts. Zufällig dann lief mir auf dem Flur der Chirurg über den Weg, der mich operieren sollte, Highnoon war´s. "Nein, Frau Sati - das wird heute nichts mehr." sagt der mir. "Heute morgen hatten wir Ihre Klammer nicht da - jetzt ist sie da, aber wir kriegen sie nicht mehr in den Plan heute."

Das war Donnerstag vor einem langen Pfingstwochenende - und die Zeit wurde knapp. Wenn sie mich am Freitag wieder nicht drannehmen würden - hätte ich gute Tage verloren.
"Wir sind ein Notfallkrankenhaus" sagten sie. Wenn Notfälle reinkommen würden, könnte sich schon mal was verschieben.
Ich hatte schon Mittwoch dem Chefchirurgen mitgeteilt,daß ich mich ab sofort ebenfalls als Notfall betrachte. Was soll das sonst bitte sein - ein weggebrochener Wirbelkörper mit Einsturzgefahr des Rückgrats?

Nach dieser schlechten und nur zufällig erhaltenen Nachricht - war ich erst mal fertig. Warf wütend-ohnmächtig das OP-Hemdchen auf den Boden und setzte mich draußen ans Ende des langen Ganges - wollte ein wenig, so gut es im Tollhaus geht, für mich sein - schaute aus dem Fenster in den Park und heulte erst mal alles raus.
Eine Schwester kam und wollte mich "trösten". Ich wechselte schon von Verzweiflung zu Zorn. Sie empfahl mir - eine Beschwerde aufzusetzen. Sie hätten solche Formulare dafür und sie könne mir eines bringen. Dieses ginge an die Verwaltung und könne auch anonym ausgefüllt werden.
Sonst würde sich nichts ändern, fügte sie hinzu.

Inzwischen hatte sich die Verzweiflung schon in Wut gewandelz und ich sagte zu ihr: "Ihren Arbeitskampf müssen Sie schon selbst austragen". Daraufhin war sie beleidigt.

Später erzählte ich der formidablen Physiotherapeutin auf ihre erstaunte Nachfrage hin, was geschehen bzw. nicht geschehen sei. Und ich war immer noch wütend-verzweifelt wegen dem langen Pfingstwochenende. Sagte im Kaffeezimmer: "Ich könnte denen diese Krücken glatt in die Fresse hauen gerade." Und vor mir auf dem Tisch lag so ein Beschwerdeformular, auf dem ich Stichworte machte. Ich hatte beschlossen, eine solche nach meiner Entlassung aufzusetzen - aber ordentlich. Nicht auf so einem "Kummerkasten-Zettel". Diese Schwester hatte ja nicht ganz unrecht gehabt mit ihrem Tip. Wenn niemand etwas verlauten läßt - weiß auch niemand, was da so alles los ist im Tollhaus.

Abends war meine Wut schon etwas abgekühlt, mir blieb ja auch nichts Anderes. Hatte weiter geübt am Nachmittag. Und dann rappelte es im Zimmer mit dieser despektierlichen "Schwester". Nach ihrem Gekeife forderte ich sie auf - mit erwachsenen Menschen auch wie mit solchen zu sprechen. "Fräuleinchen" zu der alten Dame und dazu noch in solchem Ton - geht gar nicht. Nicht mal bei schlechter Tagesform.

Am nächsten Tag das gleiche Spiel. Warten auf eine OP. Nichts passiert. Ich laufe auf und ab wie ein Tiger. Gegen elf kommt ein Pfleger und sagt: "Frau Sati, um 14 Uhr sind sie dran". Ich bedanke mich bei ihm, daß er mir wenigstens eine Information gebracht hat und bete, daß es auch wirklich so kommt. Ansonsten würde ich nämlich noch Tage völlig sinnfrei dort zubringen und es würde mich wegen den Feiertagen eine gute Woche kosten an wertvoller Genesungszeit.

Diesmal klappt es - Hallelujah! Nein danke - ich brauche kein Beruhigungsmittelchen. Ich bin erstaunlich ruhig. Alles, was ich will, ist - daß es jetzt auch passiert.

Zum ersten Mal bin ich in so einer OP-Schleuse. Seltsames Ambiente. Frage mich, ob man das noch kühler, häßlicher und weniger einladend gestalten kann - und die letzte Liege noch schmaler und ungemütlicher? Die Dame dort bemüht sich, mich beim zweifachen Liegenwechsel zu bedecken, damit mich niemand nackig sieht. Mir ist das völlig wurscht und ich sage es ihr. Ihr wäre das unangenehm, meint sie, in solcher Situation. Ich habe gerade wirklich andere Prioritäten. Und gleich werde ich eh nackig operiert.

Die nette Schwester findet meine Vene nicht und verhaut den ersten Zugang. Einen zweiten wohl auch noch - sehe ich später an der blauen Hand. Ich hoffe, daß ist kein schechtes Omen.

Im OP-Saal, der sehr groß und taghell ist, schon freundlicher als die Vorzimmer, denke ich noch "Schöne Aussicht auf den Park" - und schon bin ich weg-anästhesiert.

"100 zu 1" sagte der Oberarzt, der mich operieren sollte im Vorgespräch auf meine Frage, ob das nicht früher mal kreuzgefährlich gewesen sei, so ein Eingriff - stehen die Chancen, daß es gut geht. Und lächelnd: "Wir machen sowas öfter." Angenehm ruhiger Mensch mit Lebenserfahrung - ist mein Eindruck. Trotzdem - ist die Prognose nicht ganz beruhigend und eher dünn. "Machen Sie das bitte höchstpersönlich - und lassen Sie bloß keinen Lehrling dadran" erbitte ich noch. Geht aber alles gut.

Im Aufwachraum kommt der nette Chefarzt und gibt mir freundlich lächelnd einen warmen Händedruck. Gutes Zeichen. Zur Mitarbeiterin sagt er den Zaubersatz: "Frau Sati ist voll belastbar und darf alles tun, was sie will."
  
Zurück im Zimmer ist mir noch etwa drei Stunden komisch und ein bischen schlecht, hält sich aber in Grenzen. Dann meldet sich die Blase.
Der Fresen vom Vorabend kommt und es rappelt wieder im Karton. "Nein - ich lege Ihnen jetzt keinen Katheder." Ich bin zwar auch zäh - aber jetzt kann ich wirklich noch nicht aufstehen.

Sie wiederholt sich in schrillem, lautem Tonfall "Nein - ich lege Ihnen jetzt keinen Katheder."
Ich sage: "Hören Sie mal zu - ich habe Sie verstanden - Sie wollen mir keinen Katheder legen. Und auch nicht mit mir diskutieren. Ich habe auch keine Lust, mit Ihnen zu diskutieren. Und vor allem habe ich keine Lust - mich von Ihnen auf solche Weise ansprechen zu lassen. Reden Sie also mit mir - wie mit einem erwachsenen Menschen."  und "Sie wissen sehr gut, daß ich sonst alles tue, was ich kann. Und jetzt - kann ich eben mal nicht. Was also soll jetzt geschehen?"

War wohl klar geung - sie wird handzahm. Hockt sich neben mich, so daß wir auf Augenhöhe weitersprechen können.
Ob ich schon mal einen Katheder bei vollem Bewußtsein gelegt bekommen hätte und wüßte, wie schmerzhaft das sei? - Ja - kürzlich in der Notaufnahme. War halb so wild.
Sie will trotzdem nicht, wegen der Entzündungsgefahr. Sie wird mir eine Pfanne bringen.

Bei der Gelegenheit klären wir auch nochmal das Gerappel vom Vorabend. Ich sage ihr, daß ich mich nicht als Projektionsfläche für ihre ureigene, schlechte Laune zur Verfügung stelle - und wir gehen die Situation nochmal kurz durch. Sie entschuldigt sich und wir vertragen uns wieder. Geht doch!
Und ist auch wichtig - sowas zu klären. Die meisten sagen nämlich nichts und schlucken alles runter.
Aber so ein sauber geklärter und derart aus der Welt geschaffter Streit mit freundlicher Versöhnung ist ein wohltuender Moment der Liebe und des Friedens

Die nächsten zwei Stunden liege ich dann auf so einer Bettpfanne rum. Unbequem - aber egal. Ich kann so nicht - sagt der Verstand. Irgendwann läuft der Körper dann doch über.
Das - mach ich nicht nochmal.
Beim nächsten Mal - setze ich mich schon auf so einen "Toilettenstuhl". Im Glauben, damit wäre es geschafft. Tatsächlich aber fährt die Nachtschwester mich mit dem Ding ins Badezimmer und läßt mich nochmal umsteigen. Und ich denke - das macht ja auch keinen Sinn. Dann kannst Du ja morgen früh auch zu Fuß gehen. Und so mach ich´s auch.

Solange man mich nicht unnötig reizt und erzürnt - bin ich übrigens eher pflegeleicht. Brauche auch nicht viel, bin ggf. genügsam.  Und tue lieber alles selbst, was geht - ist ja alles Training.

Manchmal dachte ich: Du könntest taktischer vorgehen. Mehr jammern und hilflos tun -  dann würdest Du schön betüdelt. Je selbstständiger der Mensch - desto mehr ranzen die einen an. "Machen Sie das doch selbst." hörte ich zum Beispiel auch mal. Und vom Fresen: "Frau Sati, räumen Sie mal ihren Tisch leer, damit ich das Tablett draufstellen kann." Fast schon, als wären sie sauer, daß man nicht ständig um Hilfe bittet. Und zu denen, die sich hilflos geben, sind sie ganz sanft und turnen gerne um diese herum.

Bei der nächsten Chefarztvisite setzt dieser sich mir gegenüber und sagt lächelnd: "Da waren sie die Letzte am Freitag." Ich nicke vielsagend - und er meint "Da hätt´  ich jetzt wohl sonst Ärger bekommen."  "Ja" - antworte ich - "da wären wir jetzt keine Freunde mehr".

Sie wären sehr zufrieden mit mir und dem Verlauf. "Ja - ich bin auch sehr zufrieden mit Ihnen und Ihrer guten Arbeit." Allerdings bin ich auch heilfroh, das Etablissement fünf Tage nach der OP wieder verlassen zu haben.   

Kommentare:

mundanomaniac hat gesagt…

Nur unter dem heiligen Schreibzwang bringt frau so etwas "authentisches" zustande, Sati, wie Du in Deinem Bericht.

Egal ob im Taxi oder auf Station, wer Menschen mag, vor allem grade und offene, ist bei Dir gut bedient.

Dabei bist Du als g'spinnerte Henna, a richtig a g'scheides Prachtstück Sati mit weggesprengtem Wirbelteil.

Bei mir sind stattdessen zwei Nackenwirbel zusammengewachsen. Machen
zuweilen exotisch ziehende Schmerzen. Bin ich halsstarrig halt im Weichen.

Hier ist Fronleichnam im Markt ich aber grüß' Dich von meiner Staffelsee-Wanderung unter Schatten-Büschen und -Bäumen

Sei mundanoman gegrüßt vom Bruder

mundanomaniac hat gesagt…

Wasser an Zwillingssonne:

https://www.facebook.com/WWW.YEG0B.C0M/videos/975274622503043/?fref=nf

Weiter beste Besserung

MM

mondin hat gesagt…

Mannomann, Sati !

Da komme ich seit Urzeiten mal wieder vorbei und was lese ich ?

Ganz, ganz liebe Grüsse, vor allem gute Besserung !!! und herzlichen Dank für die wunderbaren Beschreibungen aus dem Krankenhaus, dem ganz normalen Wahnsinn ;)

Du bist einfach Klasse und Dein Körper weiss das auch, deswegen ist er so nett zu Dir :) Im Ernst, meinen Respekt ! Das war/ist sicher nicht einfach für Dich, so mitten aus der Aktivität gerissen zu werden..

Bussis aus Brasilien

Ursel

https://www.facebook.com/ursula.barrospenharvel?ref=tn_tnmn


Sati hat gesagt…

Guten Morgen und herzlichen Dank, Ihr feinen Seelen!

@ Bruder MM: Habe herzlich gelacht eben über den kleinen, großen Tänzer ..... und gestern geschmunzelt über Dein halsstarriges Weichen. Klingt tatsächlich nach exotischen Schmerzen - aber Du hast zum Glück dem nötigen Humor für solche seltsamen Gebilde. Was es alles gibt ....

@ Ursel: Schön, Dich zu lesen! Und ja, stimmt ja - Du kennst Dich ja im Tollhaus bestens aus - Respekt auch von mir - für mich wäre das eher nichts. Habe allerdings auch manches Mal mitbekommen, wie die sich die Patienten klug einteilen - nicht jeder geht immer zu jedem rein, auf dem Flur gab´s manchmal Vermeidungs-Absprachen. Verständlich.
Was das "aus-der-Welt-sein" betrifft: Das geniesse ich eher.

Einen wunderschönen Tag wünsche ich uns - auf dieser Reise, Sati