Sonntag, 31. Mai 2015

Ganz feine Nachbarn ....

... habe ich.
Inzwischen. War ja mal komplett anders hier - und ist Gott sei Dank vorbei.
So wie jetzt - soll es sein.
Jeder hilft jedem - und jetzt bin ich dran mit Hilfe annehmen.

"Das ist doch ganz selbstverständlich - und das würdest Du für mich ja auch tun." hieß es. Stimmt.  Hier sind alle so getaktet.

Kürzlich bat ich meine formidable Vermieterin, den Zweitschlüssel an meine Nachbarin abzugeben für die Zeit, in der ich beste Unterstützung erhalte von dieser. Sie bringt mir Einkäufe, wäscht meine Wäsche und geht mir zur Hand, wenn ich was noch nicht kann.
Und ich lerne - anzunehmen. Und um praktische Hilfe zu bitten.

Beide Nachbarinnen haben mich ein paar Mal im Tollhaus besucht und mir Sachen gebracht - und ich habe mich gefreut. Beides feine Seelen. 

Bei manchen Besuchern meiner Bettnachbarinnen dachte ich: Gut, daß Du solchen Besuch nicht bekommst.

Bei der türkischen Dame kam der ganze Clan über Tag bis abends - und ihr Nachtskonsölchen stand voll mit Blumen, teils in Cellophan und ein bischen wie im Kitschroman. Alle anderen hatten dort nur Gebrauchsgegenstände.
Sie ist aber eine sehr feinfühlige Frau - und ging fast jedes Mal gleich raus aus dem Zimmer mit ihrem vielen Besuch. Was ich ihr hoch anrechnere - wenn ich denn abends mal gerne in Ruhe im Bett lag.

Andere bekamen Besuch von der buckeligen Verwandschaft - da rappelts schon mal gehörig im Karton. Einer verkündete uns draußen, er würde jetzt seinen Sohn enterben. Uahaha .... Manche Besucher wären lieber nicht gekommen - und lösten vorsichtshalber nur für kurze Zeit einen Parkschein, um diesen als Grund für ihren kurzen Aufenthalt anzugeben.

Besonders betrüblich fand ich über Pfingsten, daß keines der drei "Kinder" - alles längst erwachsene Menschen - meiner direkten Bettnachbarin kam - und auch niemand von denen mal anrief.
Ihr anschwellender Zorn darüber war deutlich spürbar.

Eine 78-jährige äußerst zähe Frau. Sie wohnt gleich in der Nähe auf dem Berg - genau dort, wo ich beim Spazierengehen immer denke: Herrlich - ganz alleine auf weiter Flur. Dort ist sie geboren und lebt immer noch im gleichen Haus. Mit viel Land, Tieren und Pflanzen.
Bis letztes Jahr ist sie jeden Tag 5 km gelaufen. Jetzt hat sie einen Beckenbruch. Aber die kommt wieder hoch - ist so eine Type. Eine sehr originelle Type - auch, wenn sie manchmal nicht besonders viel merkt - was Andere betrifft.

In der Woche vor Pfingsten hieß es dann - ihr 84-jähriger Mann liege im Sterben. In einem anderen Krankenhaus. Diesen hatte sie die vergangenen Jahre gepflegt, bis sie nicht mehr konnte und dieser in eine vorläufige Pflegeeinrichtung kam.

Nun also - nach ihrer OP - berichtete der Sohn, daß der Vater in einem anderen Krankenhaus sei und nicht mehr wolle. Die Familie hatte die OP abgewartet, um ihr dies mitzuteilen und sie nicht zu beunruhigen. Jetzt war´s natürlich geschehen - und sie war oft sehr unruhig.  Aber auch bärenstark und klargeistig - was die Situation betrifft.

Alle redeten auf sie ein - ob sie ihren Mann nicht nochmal besuchen wolle im Krankenhaus. Man würde auch einen Transport für sie organisieren.
Und sie sagte wacker: "Nein! Ich schaffe das jetzt nicht - und ich muß nun an mich denken."
Ich hatte höchsten Respekt vor ihrer Entscheidung - nach 58 Jahren Ehe - aber ich war alleine damit.
Alle Anderen versuchten, sie vom Gegenteil zu überzeugen. "Nicht, daß Du das eines Tages bereust" und andere Sprüche kamen. So sind sie halt ...

Jedesmal, wenn ich dabei war - ich lag oder saß halt nur eineinhalb Meter daneben - und die Besprecher wieder abgezogen waren, sagte ich zu Ihr: "Ich finde das goldrichtig, daß Sie das für sich entscheiden." und "Lassen Sie sich bloß von niemandem hier bequatschen."
Tat sie eh nicht.

So hörte ich dann im Laufe der Tage viele viele Anekdoten aus ihrem Leben - sie reiste immer wieder in die Vergangenheit. Verarbeitete. Eine echte "Bauernnatur" - einerseits. Als niemand kam - die waren wohl mehr bei dem Vater - wurde sie langsam etwas ungeniessbarer. Und obwohl sie sehr stark ist - jammerte sie mir auch zuviel irgendwann. Lag zuviel im Bett rum. Ich forderte sie noch einige Male auf - wenigstens dreimal am Tag ein paar Schritte zu machen - bis ich´s ließ. Wunderte mich dann, wenn sie mal aufstand, wie zackig sie das tat. Das hätte ich so nicht geschafft, wenn ich soviel rumgelegen hätte.

Dem Mann ging es dann wohl doch nach einigen Tagen wieder etwas besser, es hieß, er singe und bete viel. Ein Italiener. Darauf sagte sie "Der verarscht uns doch alle." und ich mußte herzlich lachen.

Pfingstmontag abends dann gegen halb zehn - rief endlich mal einer bei ihr an. Und sie explodierte. Zu recht. Wäre ja sicher machbar gewesen, daß wenigsten einer mal vorbeischaut. Aber so ist das mit der buckeligen Verwandschaft. Und ich meinte nur: "Ja - fluchen sie nur, Frau Dings -  das ist gesund, wenn der Zorn rauskommt."

Sie ist am gleichen Tag wie ich nach Hause "gegangen". Am vorhergehenden Nachmittag teilte man es ihr mit, daß sie gehen könne. Ich wunderte mich, denn die Frau hatte noch schwere und nicht-geklärte Malesten und wird sich also selbst kurieren. Ich wunderte mich manches Mal - daß dort kaum etwas gründlich untersucht wurde - also entsprechend der Patientenangaben - meist war es reine Routine. Zum Röntgen oder ins MRT/CT schieben. Blut abnehmen. Oder es passierte tagelang gar nichts. Und dann plötzlich wurden die Leute doch sehr schnell entlassen.
Naja - auch die "Kollegen" werden zuhause sicher besser genesen.

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