Dienstag, 21. Oktober 2014

War´s das schon?

Das Leben ist kurz und geht schnell vorüber - wissen besonders die älteren Menschen, die es ja auch gerne mal verkünden. Gestern plötzlich ein Bild im Vorbeifahren .... und eine seltsame Sekunde der Leere:

Ich fahre auf der Innenstadtstraße an dieser Metzgerei vorbei, die es immer noch gibt, seit vielen Jahrzehnten. Plötzlich geht die Tür auf und eine schlanke, sehr hübsche Frau schaut aus dem leeren Geschäft kurz heraus und in die Welt vor der Ladentüre, bevor sie diese wieder von innen schließt und zurück in den Raum mit den Leichenteilen der Tiere geht.

Das war sie - denke ich.
Die einstige Klassenkameradin, deren Eltern schon damals dieses Geschäft führten.
Ein seltsames Gefühl springt mich an - und es sagt: Das - war´s also - das Leben?
Das war schon alles?
Mit einem halben Jahrhundert - immer noch in der gleichen Metzgerei stehen - inzwischen hat sie offenbar den Laden übernommen und führt ihn weiter.
War sie das überhaupt? Sehr gut schaut sie aus - eine schöne Frau ist sie geworden - nachdem sie ihre einstigen, struppigen Entlein-Federn abgeschüttelt hat. Ja - das muß sie gewesen sein. Eigentlich unverkennbar.

Eine überwältigende Tristesse springt mich an.
Dafür - macht mensch Abitur und quält sich jahrelang durch sinnfreies "Lernen" von sinnfreiem Zeug? Um dann - jeden Tag in einem kühlen Raum zu stehen und Fleischlappen feilzubieten? Wie es schon die Eltern und vielleicht  sogar die Großeltern taten - am gleichen Ort?
Und vor dem Schaufenster in der großen Stadt, auf dieser belebten Straße - gehen die abenteuerlichsten Lebensgeschichten jeden Tag an einem vorbei?
Komisch, das Leben .....

Ach - was weiß ich schon - vielleicht hat sie ja ein wunderbares Leben? Neben dieser Tristesse - die ich erblicke, ohne einen Schimmer zu haben. Vielleicht hat sie ja ein paar Kinderchen bekommen und großgezogen? Ist womöglich schon Großmutter? Nichts weiß ich - von ihr. Nur dieses triste Bild erschien eben - als sei nichts geschehen, als sei das Leben eine öde, phantasielose Angelegenheit .... und in Windeseile vorbei.
Als stehe die Zeit still - und nichts habe sich ereignet.
Außer - vor der Ladentüre auf der Straße. Da laufen mittlerweile Zombies mit mobilen Geräten vorbei und tun geschäftig und wichtig - obwohl im Grunde nichts weiter geschieht. 

Hat es vielleicht auch etwas Tröstliches - dieses Bild der schönen, einst etwas gerupft erscheinenden Ente? Etwas sehr Nostagisches - was an längst vergangene Zeiten erinnert - in denen die Welt noch in einer ganz  anderen Ordnung erschien?

Und - spielt es überhaupt eine Rolle - welche Rolle mensch so spielt im Leben?

Womöglich - habe ich mich auch nur so erschrocken über dieses Bild - weil ich selbst ja auch immer noch über die gleichen Straßen gleite? Und es oft so satt habe - immer noch in dieser häßlichen, maroden, hektischen und sinnfrei übergeschäftigen Kolonie unterwegs zu sein? 

Oder darüber - wie wenig scheinbar so ein einzelnes Leben zählt - bewirkt - ausmacht - im großen Nichts?

Ich fahre weiter - und vergesse sie zügig wieder.
Doch am Abend - fällt sie mir wieder ein.
Und mein Schreck - der mir wohl eher selbst galt.
Ja - es ist kurz, so ein Leben.
Die Alten haben recht.

Man kann es nur - dehnen in Momenten.
Augenblicke sammeln .... jenseits von Zeit.

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