Mittwoch, 15. Oktober 2014

Danke, Frau Gabriele Baring - sehr wichtiges Thema!

... die nicht gelebte Trauer der auf ewig als "Tätervolk" im Kollektiv verurteilten und bis heute derart bezeichneten "Deutschen" = Menschen.

Heute ist bei mir "Trauertag"  - und dafür muß ich übrigens in keiner Weise traurig sein. Ich trauere - um alle nicht geweinten Tränen meiner Ahnen - denen es quasi verboten wurde, um ihre gefallenen Brüder und Schwestern, Väter, Mütter und Kinder zu weinen - weil sie ja - bis heute und teils auf absurdeste Weise bis in die jüngste Generation hinein - als "ewige Täter" und für "ewig-schuldig" befunden werden - sollen.

Heute - werde ich mal all derer gedenken  aus meinem Clan - die ich nie kennengelernt habe und die sinnlos in Kriegen verheizt wurden. Den mir unbekannten schon früh gestorbenen Brüdern und Schwestern meiner Eltern, die nur selten noch Erwähnung fanden. Immerhin - traf ich doch noch manches Mal auf diese - zu Zeiten, in denen mir die Menschen noch etwas über sie erzählen konnten.

Ich trauere heute um beide Großväter - die sich alle beide selbst umgebracht haben - als ihre Kinder teils noch Kinder waren - weil sie den Wahnsinn von Zeit und Welt wohl nicht mehr aushielten.

Ich trauere - um all die Geschwister der Eltern - die zwar die Kriege überlebt hatten - später aber dennoch mittels eigener Hand aus dem Leben schieden. Womöglich - ihren Vätern nacheifernd - ohne es zu wissen.

Und ich gedenke heute auch besonders meiner beiden bärinnenstarken Großmütter - die jeweils einen Haufen Kinder gut durchbrachten durch zwei Weltkriege, zahlreiche Unbilden und über Fluchten - obwohl sie quasi mittellos waren. Neben noch ungeborenen Kindern - die sie bereits während ihrer vielen Schwangerschaften verloren. Erstmals - mache ich hierbei keinerlei Unterschied nach einstiger Sympathie und Zuneigung - beide waren bärinnenstark! Und beide wurden erstaunlich uralt. Obwohl sie viele ihrer bereits verstorbenen Kinder überleben mußten.

Ich ehre und schätze heute - meine Eltern und all deren Geschwister sowie PartnerInnen - die ich noch kennenlernen durfte in meiner Jugendzeit. Deren Tanten und Großtanten - Männer gab´s keine mehr - wegen zweier Kriege. Naja - zweie der Großtanten blieben einfach lebenslang ledig - ein erstaunliches Schwesterngespann der diametral-entgegensetzten charakterlichen Art - aber beide Originale auf ihre Weise - und allseits geliebt.

Je älter ich werde - desto lieber wird mir der einstige Clan.
Und desto mehr sehe ich - welch gute Stunden ich inmitten dieses einst verleben durfte in Kinderzeiten.  Mit viel Freilauf - und auch oft feiner "Betuttelung" - die sich oft über üppiges Verköstigen äußerte - manches Mal weniger über überschwängliche Emotionen - denn das hatten die alle selbst nicht erlebt. Das macht aber nichts weiter - denn die Liebe, die einem entgegengebracht wird - kann mensch auf viele Weisen spüren. Auch über friedvolles Schweigen manchmal. Besonders aber erinnere ich mch noch - daß ich fast immer willkommen war - und fast immer dabei sein durfte. Sogar - wenn sie bis in die Nacht Karten klopften. Auch bei und mit Freunden.

Ich gedenke heute auch meiner einstigen Erzeugerin - deren Vater sich einst auf dem Dachboden des heimischen Hauses in der ungepflasterten Dorfstraße mit Namen "Weite Welt" - einst noch ein echtes Kaff - strangulierte, als sie gerade mal zwölf Lenzen zählte. Des Vaters Vater - gestrenger Dorfschullehrer mit Zwirbel-Schnäuzer - brachte es ähnlich hin - als der Sohn ebenfalls gerade zwölf Lenzen zählte.

Und mit der - also mit der Erzeugerin, die mich gar nicht zufällig warf, sondern einst mit sehr späten 36 Lenzen -  ich wirklich viel - sinnfreien und unnötigen - Ärger ausgestanden habe über viele Jahre. Eine hartgehörnte Steinböckin .... Gegen Ende - war´s dann sehr erstaunlich - wie sie sich doch manches Mal völlig unerwartet öffnete - und plötzlich solche Worte sprach - mit denen ich ja im Leben nicht mehr gerechnet hätte. Immerhin - lernt mensch so - daß der ganze Ärger im Grunde nur - unnötiges Theater auf beiden Seiten war.

Unvergessen wird mir bleiben - wie sie sinngemäß gen Ende resümierte: "Weißt Du - ich habe wirklich genug Scheiße erlebt im Leben. Und - Du auch! Es reicht! Nun - sollen wir es leichter haben." 

Ich mag meine einstigen Leute. Die waren - korrekt und hatten das Herz am rechten Fleck. Sie waren großzügig und gutmütig. Sie waren gesellig und hilfsbereit. Sogar der alte Fresen von Tante - der mir als Kind nicht geheuer war - der mich aber offenbar auch irgendwie lieb hatte.

Sicher ist noch explizit erwähnenswert - daß ich nie Gewalt erfahren mußte in diesem Clan. Niemand hat mich je mit Gewalt zu etwas nötigen wollen - sie waren überhaupt nicht gewalttätig.

Vielen habe ich sicher unrecht getan in der Vergangenheit - und das ist vielleicht das beste am "Reifen" - zu sehen, daß sie alle ihr Bestes gegeben haben - jede(r).auf seine Weise.

Manchmal schätze ich mich auch glücklich - noch über einen umfangreichen Fundus an Fotodokumenten zu verfügen - die ich mir zwar seit ein paar Jahren schon nicht mehr angesehen habe - aber die ich innerlich vor Augen habe. Auch aus einstigen Kriegszeiten. Ein Stammbuch habe ich auch noch hier - bis zurück gen 1700 und ein paar. An diesem sieht mensch die erstaunlichen Wanderungen des einstigen Clans.

Nun - bin ich also noch hier. Eine lange Weile lang - einige Jahresumläufe - hatte ich so ein unbestimmtes Gefühl - ebenfalls hintergehen zu wollen. Habe mich damit "beschäftigt", reingefühlt, mich gewundert - und beschlossen - ich bleibe noch.
Ich werde es wohl eher mit den Großmüttern halten .....

Ich bleibe noch - weil das ja lange nicht alles ist - was ich bin. Der einstige Clan - ist nur ein Teil von mir. Aber - er ist ein Teil - der es verdient - daß die einst ungelebte Trauer noch erlebt werden darf.  Die "verbotene Trauer" - um die eigenen Toten - weil man ja das "ewige Tätervolk" sein soll - für ganz andere Arschgeigen auf diesem Planeten.

Danke also - an die Frau Gabriele Baring - daß sie sich dieser bitter-nötigen Trauerarbeit widmet. Ob in meinem - oder in anderen Clans. Da ist überall soviel weggedrückt worden - was endlich offen auf den Tisch gehört!

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