Dienstag, 24. Juni 2014

Erstaunlich anders ..... dieselbe Frau

...  beim Einsteigen - und am Ziel.
Ich stehe ausnahmsweise am Amtsgericht - da stehe ich eigentlich nie - auf der Spitze. Ein Auftrag kommt - da heißt es "Amtsgericht - Kundin Soundso bitte am Empfang abholen." Der Kollege meint - das hätte er hier ja noch nie erlebt - und ich denke gleich - muß halt jemand sein, der nicht gut laufen kann.

Beim Reinkommen in die Empfangshalle sichte ich gleich die Dame - mit Rollator. Spreche sie an - ja, sie habe ein Taxi bestellt. Alter ist schwer zu schätzen - sie ist bis auf die Knochen abgemagert und könnte sowas um 45 sein.
Sie kann kaum aufstehen - und auch kaum Hilfe annehmen. Klappergestell - würde der Volksmund so sagen. Und dazu - ein einziges Bündel voller Angst. Und ehrlich gesagt - ist es bei ihrer Konstitution auch ein sehr weiter und beschwerlicher Weg bis zur Limousinentür - für uns beide übrigens.

Erst kann sie noch an ihrem Rollator eigenständig die nötigen Schritte gehen - allerdings nur sehr sehr schwer .... und ich vernehme ein oft wiederholtes "Das ist doch Scheiße ...." von ihr - direkt von Beginn der Aktion an.

Tippe mal auf "Multiple Sklerose", weit fortgeschritten - frage aber nicht nach heute - biete ihr bei Bedarf meinen Arm (oder mein Bein) an, aber sie ist so voller Angst, abzuschmieren - daß sie quasi nur hysterisch wird bei jeder nicht von ihr selbst "kontrollierten" Bewegung. So, wie ich sie hier antreffe - scheint es mir geradezu gefährlich und waghalsig - sich alleine auf irgendeinen Weg zu machen.

Wir "freunden" uns sehr langsam an .... sie muß zunächst die für jeden beweglichen Menschen wenigen Schritte bis zu einem Treppengeländer schaffen - was hier aber schon in sehr schwere Arbeit mutiert. Geschafft! Ich sage ihr - ich werde das Auto soweit wie möglich heranholen - dafür muß ich Sie aber kurz alleine hier lassen - ob das in Ordnung ginge? Ja - ginge in Ordnung. 

Dann muß sie noch ein paar Treppen an dem Geländer runter - zitternd wie Espenlaub und mit einem Körper - der sich offenbar nicht mehr recht koordinieren lassen will - die Füße schwerfällig über den Boden schleifend. Sie ist de facto - ein Leichtgewicht von vielleicht 45 Kilo - aber sie wiegt schwer in dieser völligen Verkrampfung. 

Kurz vorm Ziel - also vor der Limousinentür - nochmal ein Angst- und Kontrolldrama (Ich hab sie ...... im Arm). "Nein Nein Nein ......" zum außer Kontrolle geratenenen und tiefen-verkrampften Körper bzw. Nervensystem - kommt diese typische Starrsinn vieler Menschen mit Angst.

Wir haben jetzt etwa 30 Meter hinter uns - und auf den letzten beiden Metern - macht diese Dame den allergrößten Terz! Ich sage zu ihr: "Sie vertrauen mir nicht - und wenn sie mir nicht vertrauen - kommen wir keinen Schritt weiter. zusammen" und: "Noch einen kleinen Schritt - nur noch einen kleinen - dann kommen sie auch an die Tür ..."
Die steht weit offen - aber diese "normalerweise" minimale Distanz reicht nicht - daß sie sich selbst wieder festhalten kann.

Kurz davor ist noch eine einzige, letzte Stufe - und ich sage ihr - daß wir jetzt einfach mit ihrem Rollator, an den sie sich verbissen festklammert, obwohl ich sie längst "geschultert habe" - über diese Stufe "sanft runterschmieren" lassen werden - ich halte sie auch fest dabei - sonst - werden wir nicht weiterkommen. "Nein Nein Nein". ----- Doch!

Irgendwann - sitzt sie in der Limousine. Und- ich dachte ich mir schon - die Fahrt geht um die Ecke. Etwas über 6 Euro - aber ich erlaube mir, einen Aufschlag zu berechnen - für meinen geduldigen und beherzten Einsatz. Bzw. - für meine Arbeitszeit ..... was immer in dieser geschehen mag.

Zum Glück geschieht es nur  selten - daß wir solche auf solche Kundschaft treffen - wie hier gerade - die im Grunde dringend eine eigene, fachkundige Begleitperson bräuchten.

Sie will - eigentlich nach Hause - aber vorher noch zu "Aldi" - einkaufen. Ich überlege mir die Sache - für mich und rein egoistisch. Ich fand sie sehr anstrengend - bisher - in ihrer "Nein-Nein-Nein-Angst" - obwohl ich da war und ihr meine Hilfe gerne zuteil werden lassen habe.  Fahre sie also - in die Nähe der Eingangstür dieses Disconters auf einer mehr als vielbefahrenen  und engen Einkaufstraße. Wir freuen uns beide - daß es da überhaupt einen guten Platz gibt zum Halten.
Und dann - kündige ich ihr meinen Job - bevor ich jetzt auf sie warte und die Uhr laufen lasse - kann sie sich ebensogut gleich einen neuen Wagen rufen lassen. Ja - findet sie auch.

Hole ihren Rollator aus dem Kofferraum - mache die Tür weit auf - und rechne viel Geduld ein .....  da springt die qausi aus dem Auto - also im Vergleich zu dieser  total-verkrampften Angstnummer von vorher - und ich staune ehrlich: "Huch - was ist das denn jetzt? Vertrautes Heimatgebiet? Und schon wie ein junges Reh aus dem Auto  hüpfen - ganz anders als eben noch?!" - Ja - müßte wohl irgendwie sowas sein ..... meint sie - und fängt sogar noch einen lockeren Smalltalk mit mir über Fußball-WM an ..... den Rollator jetzt  geradezu wie wie eine Samba-Tänzerin navigierend.

Na gut - dann bin ich beruhigt - daß sie ihre Wege bis nach Hause von hier an wohl ganz gut schaffen wird - ein ganz anderer Mensch als eben noch.  Immer noch - mit sehr starkem Handidcap - aber keinerlei Vergleich zu der Aktion eben - auf nicht-vertrautem Terrain. Ganz das Gegenteil ... und plötzlich keine Angst mehr.  Würde ich zu Übertreibungen neigen - würde ich sagen: Auf Engelsfüßen. Tue ich ja nicht - wenistens nicht so krass. Aber einen Scherz war es wert - und Humor hatte sie plötzlich auch ..... Und bitteschön - wer eben noch keinerlei Muskel entkrampfen konnte - im Gegenteil - sich granithart gemacht hat -  und jetzt in so einen Discounter geht - in dem sich manchmal Menschen mit ganz normalen Muskel- und Nervenfunktionen hart machen müssen - um gut dadurch zu kommen - der findet schon seine Wege!

Hatte ich das schon mal geschruben?: Komisch der Mensch.

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